Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

TroubadixRhenus
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon TroubadixRhenus » So 18. Dez 2016, 14:44

Hallo Ralf!

Da muss ich aber jetzt auchmal sagen: Viele Beeindruckende Bilder und interessante Geschichten, die obendrein noch gut geschrieben sind!

Ich wünsche Dir aber trotzdem, dass Du bald keinen Grund mehr hast für die Weiterführung dieses Threads! :wink:

Ich kenne das ja auch mit dem länger AU "feiern", nachdem mich ein Arbeitsunfall vor einigen Jahren mal ein dreiviertel Jahr von den Beinen geholt hatte.

Ich wünsche Dir alles Gute, und vor allem, dass Du bald wieder 100% fit bist!

Grüsse:
Thomas
"Wählen gehen ist wie Zähne putzen: Lässt man's bleiben, wird's braun."
Hagen Rether

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Ralf1972
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » So 18. Dez 2016, 16:29

Hallo Heinz und Thomas,

auch euch vielen Dank für eure Worte und Wünsche!

Bild 59

Okay, das Bild passt so gar nicht zur Vorweihnachtszeit, aber ich zeige es trotzdem weil es mir gefällt. Ab morgen suche ich dann mal ein paar Winterbilder raus. Eine durch die gewollte Unschärfe unerkannt gebliebene 101 rappelt am 02.06.2009 hinter Namedy gen Norden.

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Z-Bahnfan
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Z-Bahnfan » So 18. Dez 2016, 22:29

Hallo Ralf

Als Nichteisenbahner bin ich von Deiner Professionalität einen Bericht über das Lokführer-Leben so darzustellen, dass
es sogar mir einleuchtet, was nicht heißt das ich alles begriffen habe. Es ist begeistert Deinen Ausführungen zu folgen.
Dadurch bin ich natürlich jeden Tag im Mittelrheinforum, und freue mich auf den nächsten Bericht von Dir. Infiziert von
der Eisenbahn bin ich durch die Bullayer Brücke. Dadurch bin ich der Modellbahn verfallen, allerdings der Kleinsten
Märklin Spur Z.
Wenn Du Deine Aufzeichnungen in einen Verlag gibst, wird das mit Sicherheit ein Bestseller. Ich wäre einer der ersten
die das Buch kaufen würde.

Für heute wünsche ich Dir gute Besserung und besinnliche Weihnachten, und alles Gute für 2017

Gruß Willi
Gruß Willi

Braunschweiger aber Bullayer Moselaner geblieben

http://www.z-freunde-international.de

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Ralf1972
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Mo 19. Dez 2016, 14:24

Hallo Willi,

vielen Dank für deine Worte und Wünsche. Ich freue mich das Dir meine Beiträge gefallen. Ich hatte als Kind übrigens eine Modellbahn in Spur N. Leider gibt es die nicht mehr, das Rollmaterial besitze ich aber noch und einiges hängt in einer kleinen Vitrine an der Wand.
Eigentlich wollte ich was anderes schreiben, aber zum Thema Brücken und Tunnel fällt mir auch etwas ein.

Bild 60

Die Brücke in Bullay mag auch auch sehr gerne, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Stählerne Eisenbahnbrücken haben ja oftmals die Besonderheit dass man nach unten hindurch sehen kann, oftmals liegen die Schwellen direkt auf dem Fachwerk auf. Extremstes Beispiel ist die Müngstener Brücke, über 100 Meter hoch, über die ich in jungen Jahren mit der V90 hoch nach Remscheid gefahren bin. Aus dem Fenster lehnen und nach unten schauen war nichts für mich, ich habe immer ans Ende der Brücke geschaut. Es gab in Köln einen Lokführer der sich mit seinem Gürtel an die Lok gebunden hat bevor er über die Brücke fuhr! Hydraulische Diesellokomotiven, und Bundesbahn-Dieselloks haben alle dieselhydraulische Kraftübertragung, sind mit einem sogenannten Übertourungsschutz ausgerüstet. Er schützt die drehenden Teile, Wellen und Ritzel, vor Überdrehzahl. Löst dieser Übertourungsschutz aus entlüftet die Hauptluftleitung, eine Zwangsbremsung tritt ein und der Zug bleibt stehen. Stichwort selbsttätige indirekte Bremse. Um diese Schutzeinrichtung wieder zurückzustellen muss man bei der V90 draußen auf dem Umlauf eine Klappe öffnen. Hätte mich auf der Müngstener Brücke die Übertourung gestellt, ich wäre da wohl nie wieder weg gekommen. In dieser Höhe raus auf den Umlauf, ich hätte mich sicher aus Angst eingenässt. Auf einer „normalen“ Leiter habe ich keine Probleme, aber in solchen Höhen mit senkrechtem Blick nach unten wird es mir dann doch mulmig. Mein Unfall übrigens war ein Sturz von einer Leiter im Garten, dabei kugelte die linke Schulter aus und die Gelenkpfanne ging zu Bruch. Falls ihr überlegt mal ähnliches zu tun, lasst es. Man überschätzt diese Erfahrung. Passt jetzt gerade es mal zu erwähnen.

Kunstbauten an einer Bahnstrecke sind ja das Salz in der Suppe. Strecken oder Streckenabschnitte mit vielen Kunstbauten ziehen Fotografen mehr an als eher langweilige Abschnitte, geht mir ja auf Fotojagt nicht anders. Aus Lokführersicht sieht man das eigentlich genauso, es ist viel schöner durch ein Flusstal mit vielen Brücken und Tunneln zu fahren als übers platte Land. Alle die am Niederrhein wohnen mögen mir verzeihen. Im Störungsfall kann so eine Strecke natürlich hinderlich bis gefährlich werden, wenn ich vom schlimmsten Fall, der Evakuierung des Zuges ausgehe. Aus diesem Grund ist heute auf vielen Strecken eine Notbremsüberbrückung, NBÜ abgekürzt, vorgeschrieben. Übrigens, ist ein Fahrzeug mit NBÜ ausgerüstet ist diese immer einzuschalten, auch wenn es für die befahrene Strecke nicht gefordert ist.

Wie wirkt so eine NBÜ? Ganz vereinfacht dargestellt und erklärt: Früher zog der Fahrgast am roten Griff und öffnete über einen Bowdenzug oder Seil das Notbremsventil, wir nennen das Ding den „Ackermann“. Die Hauptluftleitung entlüftete und der Zug bremste selbsttätig. Daran konnte der Lokführer nichts ändern. Heute wird mit dem Notbremsgriff nur noch ein elektrischer Kontakt geöffnet der dann beim Triebfahrzeugführer ein optisches und akustisches Signal auslöst. Nun muss der Tf entscheiden, hält er an oder fährt er weiter. Dafür hat er einige Sekunden Zeit. Denkt er zu lange nach kommt es zur Zwangsbremsung, also ist ein kühler Kopf gefragt. In Tunneln ist eine Fahrtgastnotbremse immer zu überbrücken, denn wir gehen immer vom schlimmsten Fall, dem Brand im Zug aus. Ein brennender Zug in einem Tunnel mit der Rauchgasentwicklung ist ein äußerst lebensbedrohlicher Zustand, deshalb muss der Zug aus der Tunnelröhre raus. Lange Rede, kurzer Sinn, der Tf entscheidet wann und wo ein Zug anhält wenn der Zug mit NBÜ ausgerüstet ist und ein Fahrgast eine Notbremse gezogen hat. Dafür gibt es natürlich ein Regelwerk das es, neben vielen anderen auch, zu beherrschen gilt. Wer sich von euch in den letzten Wochen durch mein Geschreibsel hier dazu entschlossen hat doch noch Lokführer zu werden, heutzutage ist das in acht bis neun Monaten erledigt. Ich habe (allerdings incl. der erforderlichen Lehre) fünf Jahre gebraucht. Aber das Lernpensum ist damals wie heute enorm, durch meine Tätigkeit als Ausbilder habe ich viele in den letzten Jahren „leiden“ sehen.

Aber ich schweife ab. Noch ein Tipp bezüglich der NBÜ, probiert es nicht grundlos aus, das wird teuer. Glaubt mir einfach, spart euch eine Menge Geld.

Das/die Winterfoto/s verschiebe ich einen Tag nach hinten, heute gibt es eins von einer Überführung einer 218 von Trier nach Koblenz. Am 29.06.2005 kam ich vor der Einfahrt Bullay zum stehen sodass ich vorsichtig ein Bild machen konnte. Wahrscheinlich hat mich die Höhe der Brücke doch so abgelenkt das ich leider die Hügel oben abgeschnitten habe. Sehr Ärgerlich!

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon töff-töff » Mo 19. Dez 2016, 21:44

Ralf1972 hat geschrieben:Am 29.06.2005 kam ich vor der Einfahrt Bullay zum stehen sodass ich vorsichtig ein Bild machen konnte. Wahrscheinlich hat mich die Höhe der Brücke doch so abgelenkt das ich leider die Hügel oben abgeschnitten habe. Sehr Ärgerlich!


Tss, und die Tür haste auch noch offen gelassen :D :lol: 8)
Grüße aus Bendorf

Martin

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Ralf1972
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Di 20. Dez 2016, 12:27

Hallo Martin,

bei Sommerbildern von V160-Loks muss die Tür offen stehen. Obwohl es auf V60, V90, V100 oder V200 noch viel heißer war, das Getriebe mit bis zu 130 Grad heissem Öl saß genau unter dem Führerstand, war es auch auf den V160-Loks immer kuschlig, da tat ein Luftzug aus der Tür immer gut.

Bild 61

Wenn ich bei einem Wendezug wählen muss ob ich lieber Lok oder Steuerwagen (Stw.) fahre entscheide ich mich immer für die Lok. Natürlich ist der Stw viel leiser, das ist schon angenehm, aber ansonsten bin ich lieber auf der Maschine. Man ist näher am Geschehen, bei Störungen direkt vor Ort und, für mich das wichtigste, man hat seine Ruhe! Ich habe natürlich unsere Fahrgäste ganz doll lieb, noch lieber habe ich es aber wenn sie mich in Ruhe lassen.

Ich bin von Beginn an Stw gefahren, mein erster war der 796 der S-Bahn Rhein-Ruhr. Ich habe den 796 zusammen mit der 111 gemacht, diese Garnituren liefen ja damals an Rhein und Ruhr. Dann kam schnell der 735, der Karlsruher Kopf, den ich zusammen mit der 215 machte. In diesem Steuerwagen konnte man den Steuertisch austauschen, E-Tisch mit Hebel für die auf-ab-Steuerung des Schaltwerks oder einen Dieseltisch mit Fahrschalterhandrad.
Diese beiden Steuerwagen, 796 und 735, unterscheiden sich grundsätzlich in der Art der Steuerung der Lokomotive. Während der 796 über eine ZWS, Zeitmultiplexe-Wendezug-Steuerung, mit der Lok verbunden ist findet beim 735 eine KWS, Konventionelle-Wendezug-Steuerung, Anwendung.

Die ZWS benötigt nur ein Adernpaar der IS-Leitung, der Informations- und Steuerleitung. Ganz vereinfacht erklärt: Auf dem Steuerwagen befindet sich der „Befehlsteil“ der ZWS, auf der Lok das „Empfangsteil“. Nun fragt der Empfangsteil permanent beim Befehlsteil nach, „Hey, hast du was zu regeln?“. Der Befehlsteil antwortet, wenn vom Tf eine Schalthandung durchgeführt wurde, „Ja, ich habe einen „auf“-Befehl fürs Schaltwerk. Das geschieht natürlich rasend schnell und permanent. Dieser „auf-Befehl“ muss zur Sicherheit mehrmals auf der Lok ankommen, erst dann wird er ausgeführt. Heute ist es üblich zwei IS-Leitungen zu kuppeln, aus Redundanzgründen. Müsst ihr mal drauf achten, das sind die Leitungen unterhalb der Frontscheiben der Lok. Über dieses Kabel läuft auch die ZDS, Zeitmultiplexe-Doppeltraktions-Streuerung. Im Prinzip nichts anderes, so wird eine zweite Lok ferngesteuert, wir fahren in Doppeltraktion. Die modernen Lokomotiven von heute besitzen zusätzlich noch eine ZMS, Zeitmultiplexe-Mehrzug-Steuerung. Sie läuft auch über das IS-Kabel, damit lassen sich mehrere Lokomotiven, auch Siemens und Bombardier gemischt, fernsteuern. Soviel ich weiß wird die ZMS aber selten angewandt.

Die KWS benötigt ein eigenes dickes Steuerkabel, bei der DB hatte es 36 Adern, bei der DR 34. Jedem Adernpaar war ein Befehl zugeordnet, eigentlich ganz einfach. Von außen war es jeder Lokomotive am Steuerkabel gleich anzusehen ob sie Wendezufähig war. 215, 218, 141, 151, 181.2 hatten alle ein Steuerkabel. 212, 216, 140 nur teilweise. Ich habe jetzt sicher ein paar Baureihen vergessen. Manche Lokomotiven hatten auch beides, KWS und ZWS, ich denke da an die 218, 111 oder die 141. Die 110 wurde in ihren letzten Jahren auch noch auf KWS umgebaut, einige werden sich an die Züge rechtsrheinisch nach Wiesbaden/Frankfurt erinnern. Aber die 110 war dafür einfach nicht gemacht, die bei 40 km/h abfallende E-Bremse galt es besonders zu berücksichtigen. Ein Wendezug MUSS sehr straff gekuppelt werden um Zerrungen so gering wie möglich zu halten, war dies mal nicht der Fall oder die Zug- und Stosseinrichtungen waren ausgelutscht war das wie Rodeoreiten.

Das allerneueste ist die heutzutage die Steuerung über einen Zugbus. Über diesen Zugbus kommunizieren nicht nur die Rechner der Lok und Steuerwagen sondern auch die der Wagen im Zugverband, der Zug wird also quasi zum Triebzug. Der Tf kann über seine Diagnoseeinrichtungen vorn auf dem Display auch die Störungen und Zustände der Wagen analysieren. Der Railjet der ÖBB aber auch der Dosto-IC fahren mittlerweile mit WTB, wired train bus. Heute muss ja alles Englisch sein. Der WTB hat übrigens eine eigene Leitung, schaut mal unter die Scheibe der neuen 146.3 der RE5, da findet ihr vier Kupplungsdosen, zwei für die IS-Leitung, zwei für das WTB-Kabel.

Später kamen bei mir dann noch der 483 (Wittenberger Kopf), die Dosto-Stw 762 und 765 und der IC-Stw 271 dazu.
Das ganze Thema Wendezug ist recht komplex, aber ich hoffe ich konnte einen kleinen Einblick geben.

Eine Geschichte habe ich aber noch.

Ich hatte an einem Sonntag zweimal einen Pz nach Limburg zu fahren, mit einer 215 und einem Wendezug mit einem 735. Meine Lok kam am Morgen frisch an den Zug, nach dem kuppeln machte ich meinen Vorbereitungsdienst. Auf dem Steuerwagen prüfte ich die Steuerleitung indem ich das Getriebe der Lok füllte, zu erkennen an einem Leuchtmelder der dann kurz aufleuchtet und wieder erlischt. Alles Okay! Mit einem Rangierer setzte ich von der Lok aus an den Bahnsteig und fuhr nach Limburg. Dort fuhr ich nach Gleis 3 und blieb dort eine halbe Stunde bis zur Rückfahrt stehen. Wende auf den Steuerwagen, Bremsprobe, Indusi beschriftet, Zugsignale kontrolliert, Fahrplanunterlagen bereit gelegt. Ich prüfte nochmal die Fahrsteuerung, Getriebe gefüllt, Leuchtmelder an und aus, es konnte losgehen. Zur Abfahrtszeit schloss mein Zugführer die Türen und gab mir Zp9. Ich löste die Zusatzbremse, füllte das Getriebe und gab noch vier oder fünf Fahrstufen dazu. Mein Zug fuhr los, aber rückwärts! Nach der ersten Schrecksekunde zog ich sofort durch und blieb stehen. Was war das denn??? Bremse gelöst, neuer Versuch, Rückwärts. Ups, was nun? Richtungsschalter nach „R“, aufgeschaltet, jetzt fuhr er vorwärts! Nun denkt manch einer sicher, dann fahr halt in Stellung „R“. Liegt der „Knochen“ nach rückwärts ist die Indusi, heute PZB genannt, nicht bereit, der blaue Leuchtmelder ist dann aus. So kann und darf man in Ausnahmefällen schon fahren, das wollte ich aber nicht. Nach kurzem Nachdenken bin ich nach hinten gerannt und habe zwischen Lok und Wagen das andere Steuerkabel gekuppelt, es gibt ja immer zwei. Das vorherige trennte ich. Wieder vorne probierte ich es aus, und jetzt lief alles normal. Hätte ich in Gleis 2, dem Stumpfgleis gestanden, ich wäre wohl auf den Bock geknallt. Glück gehabt.

Zu dieser Zeit gab es übrigens merkwürdige Arbeitszettel in denen wir Störungen für die Werkstatt notieren mussten. Unter anderem gab es auch eine Spalte in der gefragt wurde was man denn unternommen hat um die Störung zu beseitigen. Das habe ich natürlich alles ausgefüllt und später erfahren dass die Belegung von zwei Adern im Steuerkabel vertauscht war, vorwärts gegen rückwärts. Diese blöden Zettel gab es nicht lange. Einmal lief mir bei einer 216 während eines Starkregens Regenwasser unter der Frontscheibe über das Führerpult. In der Spalte „was haben sie unternommen“ schrieb ich rein: „Gen Himmel gebetet in der Hoffnung dass es bald aufhört zu regnen“. Ich musste deswegen zum Lokleiter, ob ich das Ganze nicht ernst nehme fragte er mich. Ich sagte dann sinngemäß dass diese Zettel nur zum Öl peilen und Peilstab abwischen taugen. Fand er auch nicht lustig. Humor war noch nie die Stärke der Bundesbahn.

Als Bild gibt es jetzt aber etwas Winterliches, eine 110 verlässt am 27.02.2005 im Wendezugbetrieb den Bahnhof Triberg im Schwarzwald.

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Ralf1972
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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Mi 21. Dez 2016, 12:37

Bild 62

Diese Geschichte habe ich vor Jahren schon mal hier erzählt. Aber der ein oder andere wird sie nicht kennen.

Nach Ableisten meines Grundwehrdienstes, ich war 12 Monate Soldat, kehrte ich im Herbst 1994 wieder nach Deutzerfeld zurück. Nach einer Einarbeitung bei der ich vier Wochen lang einen Kollegen begleitet habe, liebe Grüße an Siggi, ich hab Dich lieb, musste ich wieder Streckenkunde fahren. Es war ja alles verfallen, Streckenkunde verfällt nach dem Ersterwerb nach sechs Monaten, später dann nach zwölf. Erst mal musste ich „Rund um den Dom“ Streckenkunde fahren, nächtliche Übergabeleistungen waren eher unbeliebte Dienste die gerne auf die jungen Kollegen abgeschoben wurden. Deutzerfeld, Bbf, Deutz-Tief (Autoreisezüge rangieren), Kalk-Nord, Gremberg, Eifeltor, Bonntor, Nippes, Bickendorf, die Eifel raus bis Euskirchen, hoch Richtung Ohligs und Remscheid, das alles galt es kundig zu fahren. Ich weiß noch, in Nippes gab es keinen Ortsfunk über C-Kanal. Nur Rangierfunk, und den hatten Streckenlokomotiven nicht. Ich stand mal nachts in Nippes an meinem Güterzug nach Euskirchen, fertig zum Vorziehen in die Ausfahrt. Mit einer 215. Da es keinen Ortsfunk gab schrie der Weichenwärter also immer zum Fenster raus. Das war ein Mist, es war immer kaum und vor allem nicht deutlich zu verstehen. „Zug….murmel…brabbel….neun vorziiiiiiiiiiehen“. „Oh Gott, meint der jetzt mich??? Ich bleib lieber stehen.“ Man hatte immer das Fenster nen Spalt auf um besser hören zu können. Vor allem wenn man die ganze Nacht auf der Krawallbüchse 215 gefahren ist hörte man mehr den eigenen Tinitus als die Welt um sich rum. Der Weichenwärter riskierte dann eine Stimmbandlähmung und schrie so laut das es endlich zweifelsfrei zu verstehen war. War der sauer…

Zurück zur Streckenkunde. Irgendwann sollte ich dann den Blick auf den Dom verlassen, Streckenkunde, unter anderem nach Frankfurt. Ich suchte mir natürlich Intercitys raus, bespannt mit der 103. E03 fahren war schon etwas Besonderes für mich, war es (und ist es noch immer) DIE Ellok. Gleich bei einer der ersten Touren traf ich dann auf einen sehr netten Planmann der mich auch fahren ließ. Geil sag ich euch! Den neuen Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen gab es noch nicht, wir fuhren in den Alten, heute der Regiobahnhof. Aus Richtung Kelsterbach fahren alle Züge nach Gleis 2 mit „zwei Flügeln“, also Hp2. Kein Problem für mich den Zug schön metergenau an den Bahnsteig zu stellen. Aus Richtung Sportfeld, heute Stadion genannt, fuhr man aber mit 110 km/h an den Bahnsteig. Ich bremste aus Respekt und auch ein bisschen Angst mich zu Verbremsen viel zu früh, viel zu stark und schlich an den Bahnsteig. Mein Lokführer schaute mich an. „Du bremst wie meine Oma“ sagte er sinngemäß. „Naja, ich kenne die Lok nicht, die Strecke nicht, da mach ich lieber langsam“…. “Das ist auch richtig, aber das geht hier viel schneller! Was machste denn morgen?“ fragte er. „Wieder Streckenkunde nach Frankfurt“. „Super, dann kommst du morgen zur gleichen Zeit, ich hab die gleiche Schicht nochmal. Dann zeige ich Dir wie man hier an den Bahnsteig fährt“.

Gesagt, getan. Am nächsten Tag fuhr ich wieder nach Frankfurt, wir bespannten den Gegenzug, kurz vor Abfahrt sagte er dann „So, nun lass mal den Meister ran“. Gespannt hockte ich mich neben ihn auf den Beimannstuhl. Wir fuhren also mit 110 km/h in den Flughafentunnel, am Bahnsteiganfang bremste er ein. „Das reicht niemals" dachte ich sofort. Mein Meister dachte wohl das gleiche, denn sofort war er in der Vollbremsstellung, relativ zeitnah in der Schnellbremsstellung. Die Magnetschienenbremsen krachten nach unten, nun bremste der Zug mit maximaler Kraft. Er drückte sogar den Schleuderschutz obwohl das in dieser Situation völlig sinnfrei war. Wir wurden auch schnell langsamer, nur nicht schnell genug. Das Bahnsteigende raste auf uns zu…schwupps, vorbei. Lok und erste Tür standen „im Dreck“ wie wir sagen. Nach dem ausschalten der Lüfter herrschte Totenstille im Führerraum. Ich traute mich nicht was zu sagen, irgendwann schaute er zu mir rüber und sagte nur „Schau du raus“. Gott sei Dank blieb die erste Tür geschlossen, also neben dem starken Halteruck der sicher im Restaurant für einige Flüche gesorgt hatte war nicht viel passiert. Später dann fand ich seinen Fehler raus, man musste schon mit angelegten Bremsen, also „nullfünf raus“, an die Bahnsteigkante kommen. Dann Vollbremsung, lösen, passt. Von außen sieht das beeindruckend aus, ich bin öfter mal gern schnell an den Bahnsteig gefahren (naja, auch heute noch wenn mich der Hafer sticht). Wenn die Reisenden die eben hochgehobenen Koffer wieder hinstellen weil sie denken der Zug fährt wohl durch, ich aber sauber an der H-Tafel stehe und rausgucke kann ich mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen.

In Niederheimbach kam mir am 01.08.2008 103 235 entgegen, eingeklinkt ein Bild vom Führerstand einer 103.

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Do 22. Dez 2016, 13:25

BIld 63

Während meiner V90-Ausbildung, ich habe ja schon davon erzählt, passierte neben der abgekratzten Bremsanschrift nochmals etwas was mir im Gedächtnis geblieben ist. Auf jeder Seite des Führerstandes kommt neben der Tür ein Rohr nach oben bis knapp Unterkante Fenster. Das sind Leitungen der Hauptluftleitung, oben Verschlossen durch einen Ackermann, also ein Notbremsventil. In jedem Lokomotivführerstand gibt es so etwas, falls das Führerbremsventil mal versagen sollte muss der Tf ja irgendwie die Hauptluftleitung entleeren und damit anhalten können.

Nun, mein Kollege Christoph fragte dann irgendwann mal ob er nicht mal den Ackermann aufmachen dürfe. Ich habe leider kein Bild davon gefunden, müsst ihr halt googlen wenn euch interessiert wie so ein Ding aussieht. Unser Ausbilder Peter, der Kampfhamster, sagte dann recht schnell: „Natürlich, aber mach vorher die Leitung leer, sonst bläst da unglaublich viel Dreck raus“. Das fand Christoph aber langweilig. „Ne, wenn dann richtig“, begleitet vom aufstampfen eines Fußes. Das hatte was von kleinem Kind und „Ich will aber“. Peter seufzte. „Bitte, wenn Du unbedingt willst. Aber ich steige von der Lok. Ralf, bleibst du hier im Führerstand?“. Ich überlegte kurz und sagte dann, „Ne, ich komm auch mit raus“. Peter schloss die Fenster, grinste, kletterte nach unten, gefolgt von mir.
Unten dann schauten wir nach oben, Peter grinste immer noch. Christoph griff nach dem kleinen Hebel, zog ihn nach oben, und plopp, war er nicht mehr zu sehen. Da kam so viel Dreck und Staub heraus, ein Sondereinsatzkommando der Polizei hätte es nicht besser einnebeln können. Peter lachte sich kaputt, ich machte mir fast in die Hose vor Lachen. Jetzt gerade wo ich das hier tippe lache ich mich wieder schlapp, Christophs Gesicht als er aus der Tür trat um Luft zu holen werden ich nie vergessen. Dann lachten wir alle drei und reinigten so gut es ging den Führerstand.

Chrissi war eh so ein Pechvogel. Bei unserer 111-Ausbildung habe ich mich mal in Köln-Buchforst auf der S11 verbremst und die Monitoranlage (oder stehen dort Spiegel, hab ich vergessen) verpasst, bin also mit der Lok über den Bahnsteig hinaus gefahren. Chrissi stand gleich an der Tür um von der Lok zu klettern, denn um abzufertigen muss man den ganzen Zug überblicken können. Auf der letzten Sprosse der Leiter machte er einen Hops ins Gras und stand bis weit über die Knöchel im Matsch. Der Arme…

Mit so einem Zug habe ich mich damals verbremst. Ich habe diesen Nachschuss ausgewählt weil ich die Werbung für die Buga 1987 in Düsseldorf so schön finde.

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Fr 23. Dez 2016, 13:43

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628 305 rollt am 10.01.2009 zwischen Urmersbach und Monreal durch das Tal der Thürelz.

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Sa 24. Dez 2016, 13:16

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Mal wieder ein Bild ohne Zug. Alles scheint in Eis erstarrt zu sein, Monreal, 10.01.2009

Frohe Weihnachten Euch allen!

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » So 25. Dez 2016, 13:44

Bild 65

99 247 am Goetheweg, 20.02.2016

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Re: Jeden Tag ein Türchen - bis ich wieder fit bin

Beitragvon Ralf1972 » Mo 26. Dez 2016, 18:49

Bild 66

Am 28.02.2005 erwischte ich 110 205 vor einem Eurocity in die Schweiz bei Nufringen an der Gäubahn.

Ich kann mich noch dunkel daran erinnern das es ein sehr kalter Tag war. Auf den alten Elloks fror man sich gerne mal den Hintern ab, es zog an allen Ecken und Kanten. Ich kann mich an einige Loks erinnern bei denen man unter dem Führerbremsventil in Richtung Spitzenlicht durch die Rostlöcher in den Schotter schauen konnte. Die ersten Maschinen hatten Warmluftgebläse plus Heizstrahler an den Füßen des Tf und Beimanns, später dann hatten die Loks statt der Gebläse nur noch Heizstrahler. Die Gebläse waren teils so laut dass man sich auf eine 215 Fü1 gesehnt hat. Furchtbar. Über den Sommer waren die Gebläse natürlich aus, wurde es im Herbst kühler war immer der Lokführer zweiter Sieger der als erster das Heizgebläse einschaltete. Der Staub der sich über den Sommer darin abgesetzt hatte wurde durch den ganzen Führerstand geblasen, zudem stank es fürchterlich nach verbranntem Dreck und Staub. Überhaupt stieg man nach vier Stunden Fahrt z.B. nach Emmerich wie gerädert von der 110. Ich bin 190 groß und saß immer schlecht auf der Lok, bekam nie die Knie unter den Führertisch. Andererseits, auf einem 425 oder dem ganz neuen 429.1 sitze ich auch nicht viel besser….

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