Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Lw
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Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Lw » So 29. Okt 2017, 18:31

Der heutige stürmische Herbsttag hat mich dazu verführt, in der Bilderkiste zu wühlen. Hier ein paar Fotos, die exakt vor einem Jahr entstanden: am 29. Oktober 2016.
Und zwar im Bereich Ockenheim bzw. Büdesheim-Dromersheim, wo sich Nahe- und Rheinhessenquerbahn berühren.

Bild 1: Überquerung der Nahe- über die Rheinhessenquerbahn nahe Ockenheim. Im Hintergrund eine der schönen Feldwegbrücken, wie sie typisch für Rheinhessen sind. "Hinter" dem Betrachter liegt eine weitere Brücke, die die Trasse eines früheren Abzweigs von Ockenheim zur Hindenburgbrücke überquert. Sehr schön dokumentiert von Günter Tscharn:
https://www.drehscheibe-online.de/foren ... sg-3491223


Der Blick geht Richtung Gensingen-Horrweiler, wo die Strecke nach Worms abzweigt.
Bild

Bild 2:
Die Feldwegbrücke von der anderen Seite her gesehen - im Hintergrund überquert gerade ein RE Saarbrücken-Mainz die Rheinhessenbahn.
Bild

Bild 3:
Die RB nach Worms arbeitet sich aus dem Rheintal hoch.
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Bild 4 und 5:
Mal ein Blick über den Schienenhorizont - zwei sehenswerte Gebäude jenseits und diesseits des Rheins: Die Abtei St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim sowie die Rochuskapelle auf dem gleichnamigen Berg oberhalb von Bingen.
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Bild 6 bis 8:
Nicht weit entfernt fand sich noch vor einem Jahr ein sehenswertes Bauwerk der ehemaligen Zulaufstrecke zur Hindenburgbrücke. Unterhalb des Rochusberges stand diese Feldwegbrücke, die leider in diesem Sommer wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Ein baugleiches Bauwerk hat Günter T. im o. g. Link dokumentiert.
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Bild 9:
Ein Zug der RE 3 Mainz-Saarbrücken hat eben die Überwerfungsbrücke hinter sich gelassen und beschleunigt nun Richtung Gensingen-Horrweiler. Im Hintergrund die Rochuskapelle.
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Bild 10:
Nicht weit vom letzten Standpunkt nähert sich die RB nach Worms und erreicht bald den Abzweig Büdesheim-Dromersheim.
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Steffen
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Steffen » So 29. Okt 2017, 20:59

Danke für die Bilder aus Rheinhessen.

Bei der Wegüberführung sieht man schon an der Breite und der außermittigen Lage des Gleises, dass hier mal zwei Gleise verlaufen sollten.
Den einzigen schriftlichen Hinweis darauf lieferte übrigens Günter in besagtem Bericht. Wäre mal interessant davon genauere Details oder Pläne zu haben.
Viele Grüße
Steffen

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Günter T
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Günter T » Mo 30. Okt 2017, 18:34

Hallo Alois,

Dein Bericht, der auch exzellente Perspektiven zeigt, hat mich sehr fasziniert – mein Besuch dort ist ja schon fast ein halbes Jahrhundert her. Leider wird ja im MRF das Interesse an historischen Betrachtungsweisen immer geringer, so dass sich der Arbeitsaufwand für Beiträge, für die auch noch Fotos digitalisiert werden müssen, kaum mehr lohnt.
Dir und auch Steffen will ich aber hier in dieser Nische eine Rarität präsentieren: Die Planung eines Staatsbahnhofes „Dietersheim (Nahe)“ aus dem Jahr 1901 in Zusammenhang mit dem Projekt einer Verbindung zwischen der Rhein-Nahe-Bahn und rechtsheinischen Bahn bei Rüdesheim.
Die Pläne stammen vom Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin.
Leider ist es in den Eisenbahnforen seit einiger Zeit nicht mehr möglich, größere Dokumente direkt einzubinden. Ich habe daher zu jedem „Übersichtsbild“ einen Link angehängt, der das Anschauen und Herunterladen des Dokuments in höherer Auflösung ermöglicht.




Bild

Plan 1:
Gezeigt werden die vier Möglichkeiten der Rheinquerung bei Rüdesheim:
1. Tangente westlich Bingen (braun)
2. Tangente östlich Bingen (blau)
3. Tangente westlich des Rüdesheimer Hafens (grün; so etwa auch später umgesetzt)
4. Tangente östlich des Rüdesheimer Hafens (rot).
In allen Fällen sollte dann die Nahebahn zwischen Münster-Sarmsheim und Langenlonsheim auf die rechts Naheseite verlegt werden, um südlich von Dietersheim einen gigantischen - mehr als 3 km langen - Personen-, Güter- und Verschiebebahnhof zu errichten. Dazu ist es bekanntlich ja nie gekommen – trotzdem sind die detaillierten Pläne faszinierend.
Hier am Ende eines Textes dann der Link zur höheren Auflösung:
http://imageshack.com/a/img922/8861/CLdrLb.jpg






Bild

Plan 2:
Die Turmstation „Gaulsheim" mit dem Abzweig Richtung Mainz.
http://imageshack.com/a/img924/1041/N7xTOS.jpg





Bild

Plan 3:
Gleisplan A „Dietersheim (Nahe)"
http://imageshack.com/a/img924/9237/MUFkgO.jpg





Bild

Plan 4:
Gleisplan B „Dietersheim (Nahe)": Zweck der einzelnen Gleise und Gleisgruppen
http://imageshack.com/a/img922/2796/xlS2nG.jpg





Bild

Plan 5:
Gleisplan C „Dietersheim (Nahe)“: Weichen- und Signalsteuerung
http://imageshack.com/a/img923/2969/ELVh9u.jpg





Bild

Plan 6:
Das Empfangsgebäude „Dietersheim (Nahe)" in typisch wilhelminischem Stil
http://imageshack.com/a/img923/7299/O4mO8a.jpg




Bild

Plan 7:
Langenlonsheim: Umbau der Nordausfahrt.
Interessant vor allem, wie der alte Gleisplan um 1900 aussah .....
http://imageshack.com/a/img922/8269/6e1C8J.jpg


Alois, kannst Du Dir vorstellen, in Deiner unmittelbarer Nähe eine solche Infrastruktur zu haben? Der Verschiebebahnhof wäre heutzutage wahrscheinlich längst plattgemacht worden. Aber eine Bahnstation in Deinem Heimatort mit Direktanschluss nach Mainz wäre doch jetzt immer noch was Feines für Dich.


Es grüßt
Günter
Zuletzt geändert von Günter T am Mo 30. Okt 2017, 20:58, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Pablo » Mo 30. Okt 2017, 19:02

Wahnsinn :shock: :shock: :shock: :shock:
Vielen Dank fürs zeigen

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reinout
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon reinout » Mo 30. Okt 2017, 20:41

Solche alte Plänen und Karten, das ist immer nett um zu sehen. Danke für die Arbeit!

Reinout

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Steffen
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Steffen » Di 31. Okt 2017, 10:10

Hallo Günter,

ich bin erstmal sprachlos und muss die Pläne mal intensiv studieren.
Welch ein Mammut-Projekt wurde da geplant - grandios.

Tausend dank für das Einstellen.
Viele Grüße
Steffen

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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Lw » Di 31. Okt 2017, 11:28

Hallo Günter,
Pablo und Steffen haben es schon ähnlich gesagt: Ich habe auch erst mal die Luft angehalten...
Ganz herzlichen Dank für diese tolle Recherche!!

Aus heutiger Sicht empfinde ich einen Zwiespalt:
Klar, wäre schon schön, heute eine direkte Pendler-Anbindung zu haben! Und Du hast vermutlich recht, heute läge der Verschiebebahnhof wohl brach.
Ironie der Geschichte: Heute kreuzt das Gelände die vielbefahrene A 61 mit endlosen Lkw-Kolonnen. Und nicht weit entfernt, zwischen Sponsheim und Gensingen, gibt es ein riesiges Logistik-Gewerbegebiet mit unmittelbarer Autobahn-Anbindung, aber noch nicht einem einzigen Gleisanschluss, obwohl die Nahebahn direkt daran vorbeiführt.

Man muss sich aber auch klar machen, dass hinter diesen gigantomanischen Plänen vermutlich strategische Konzepte des preußischen Generalstabs standen (ähnlich wie bei den Eifelbahnen). Zum Wohl der Menschen in den Regionen trugen sie nur vorübergehend bei.

Aber nochmals ganz herzlichen Dank für diese großartige Forschungsarbeit! Bitte weitermachen...
A.

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Günter T
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Günter T » Di 31. Okt 2017, 16:47

Lw hat geschrieben:Man muss sich aber auch klar machen, dass hinter diesen gigantomanischen Plänen vermutlich strategische Konzepte des preußischen Generalstabs standen (ähnlich wie bei den Eifelbahnen).


Hallo,

da hast Du recht.
Verdeutlichen will ich das anhand eines Ausschnittes aus einer Kursbuchkarte aus dem Jahr 1942:


Bild


Im Zeitpunkt der ersten Planungen (1901) konnte man noch ökonomische Interessen erkennen - siehe die Zweckbestimmungen der einzelnen Gleise in "Dietersheim". Zwischen Oberlahnstein und Wiesbaden Ost befand sich z. B. kein einziger Rangierbahnhof; und auf der rechten Rheinstrecke hatte man in diesem Abschnitt wirklich dafür keinen Platz. Auch gab es schließlich ja zwischen 1861 und 1900 einen Güterwagen-Trajektverkehr zwischen Bingerbrück und Rüdesheim.

Im Reichstag dominierten dann etwa 10 Jahre erhebliche Bedenken hinsichtlich dieses Projektes. 1913 setzten sich dann doch die militärischen Bedarfsgesichtspunkte durch: Die Hindenburgbrücke wurde als geeignete Entlastung der Kanonenbahn Berlin - Metz (rot eingezeichnet) an der Mosel und der Saar eingestuft. Gerade Metz sollte auch alternativ erreichbar werden, indem man Transporte ab Hohenrhein (nördlich Oberlahnstein) über die Rüdesheimer Hindenburgbrücke dann auf die Nahe- und die Glantalbahn leitete (pink markiert) - "Dietersheim" war passé. Das Projekt Hindenburgbrücke mitsamt den heute bekannten Zulaufstrecken (mit Ausnahme der Verbindungskurve nördlich Ockenheim) wurde im März 1913 genehmigt und drei Monate später in Angriff genommen.

Empfehlenswert ist eine dreiteilige Ausarbeitung der DGEG aus dem Jahr 1982 - veröffentlicht von Rheingauer Heimatforschern:
http://www.rheingauer-heimatforschung.de/d.html

Falls noch nicht bekannt: Siehe auch meinen Bericht über den strategischen Nordabschnitt der Glantalbahn hier in unserem Forum:
viewtopic.php?f=31&t=52676



Es grüßt Euch
Günter
Zuletzt geändert von Günter T am Mi 1. Nov 2017, 09:33, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Steffen » Di 31. Okt 2017, 17:34

So, nun war etwas Zeit die Pläne genauer durchzugehen.

Gehen wir doch mal davon aus, dass es so realisiert worden wäre. Welche Auswirkungen hätte dies gehabt?

1. der Bahnhof Bad Kreuznach wäre auch heute noch am Brückes und nicht an der sogenannten Gabelung, da die strategische Strecke über Gensingen nicht gebaut worden wäre.
2. Gensingen selbst wäre eine unbedeutende (Kreuzungs-?) Station an der Rheinhessenbahn geblieben
3. der spätere viergleisige Ausbau Bad Münster - Kreuznach wäre möglicherweise nicht durchgeführt oder sogar auf Bad Münster - KH - Dietersheim erweitert worden um Alsenzbahn und Nahebahn betrieblich zu trennen.
4. der uns allen bekannte umfangreiche Rangierbahnhof in Bingerbrück wäre so nie entstanden. Zugbildung und Trennung der Züge von Koblenz, Mainz, Einsiedlerhof (+Alzey, Simmern) hätten alle in Dietersheim stattgefunden. Selbst das Bw Bingerbrück wäre in der Folgezeit wesentlich kleiner oder gar komplett in Dietersheim angesiedelt worden.
5. Laubenheim und Münster-Sarmsheim hätten 1914 keine Bahnhöfe mehr gehabt (evtl hätte man diesen Abschnitt als Ausweichroute oder für reinen Personenverkehr beibehalten).

Die Bahnwelt bei uns wäre wohl heute eine völlig andere...
Viele Grüße
Steffen

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Günter T
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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon Günter T » Di 31. Okt 2017, 18:11

Hallo Steffen,

sehr interessante 5 Thesen - wahrscheinlich gäbe es noch mehr, jedoch keine 95 wie vor 500 Jahren :wink: .
Grundsätzlich stimme ich Dir zu. Ausnahmen:
3. Angesicht der drei zweigleisigen, im Prinzip von KH nach Süden ausgehenden Hauptbahnen sind m.E. vier Gleise auf dem Weg nach Bad Münster ein Muss.
5. Laubenheim und Münster-Sarmsheim wären abgehängt worden.

Vielleicht war es doch gar nicht so verkehrt, frühzeitig auf den Bahnhof "Dietersheim" zu verzichten...
Schöne Spekulationen :) .

Es grüßt Dich
Günter

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Re: Ockenheim/ Büdesheim-Dromersheim, 29.10.2016

Beitragvon I-O Freak » Mi 8. Nov 2017, 11:42

Vielen Dank für diese sehr interessanten Pläne, die mir nicht bekannt waren.

Viele Grüße


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