Vor 30 Jahren...

Horst Heinrich
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Vor 30 Jahren...

Beitragvon Horst Heinrich » Do 2. Jul 2015, 19:08

Ein trauriger Gedenktag wäre beinahe "untergegangen".
Vor 30 Jahren, am 31.Mai 1985, fuhr der letzte Personenzug zwischen Alzey und Gau Odernheim.
Das "Amiche" war mein persönlicher Rheinhessen-Favorit, niemals mehr ist dieses Gefühl noch einmal aufgetaucht, das sich während einer ETA 150-Fahrt über Gau-Odernheim einstellte, denn mit dem Auto kann man diese Region nicht wirklich erfassen.
Tja, auch die Region hat sich in 30 Jahren verändert, eher zu ihrem Nachteil, alles ist irgendwie zu einem Vorort von Mainz "verkommen", was ehedem noch individuellen Charme hatte.
In Gau Odernheim traf man damals noch den Fahrdienstleiter Radloff, der mit der Strecke in Pension ging.
Als er hier 1943 anfing -andere Einsatzorte waren für ihn damals auch noch Undenheim-Köngernheim mit der Strecke nach Nierstein- hatte er noch gelegentlich Besuch von Kollegen, die 1896 zur Erstbesatzung der Strecke gehörten.

Nie zuvor habe ich (Bahn-)Geschichte so laut vernehmlich atmen gehört, wie bei der Begegnung mit solchen Zeitzeugen aus 89 Jahren Streckengeschichte.

Unserem geschätzten Mitforianer Andreas T. war die Ehre zuteil, diese Strecke authentisch zu dokumentieren.
Ich bin immer noch von den Bildern beeindruckt, auch die äußerst seltene Ausfahrt aus Gleis 1 Richtung Mainz über Sperrsignal -was man nicht alles verdrängt oder vergißt- kommt einem wieder ins Bewußtsein, nur weil ein Bildautor den Blick fürs Besondere hat und den Gleisplan im Stellwerk ablichtet.
Wenn man schon mal da ist... 8)
Zum 30.Jahrestag ihres letzten Sommers darf ich den Beitrag noch einmal hervorholen.

viewtopic.php?f=31&t=7775&hilit=gau+odernheim

Man beachte die genial eingefangene Stimmung.

Es war eine unvergleichliche Zeit.
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jojo54
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon jojo54 » Do 2. Jul 2015, 21:12

Für mich ist es mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar, warum immer nur aus der Vergangenheit berichtet wird und wie "schön" damals die Zeiten in Sachen Eisenbahn waren.

Muss man sich ständig an der Vergangenheit hochziehen ? Das ist doch alles vorbei.

Seit 1980 habe ich mir ein umfangreiches Dia-Archiv über die Eisenbahn im rheinhessischen Hügelland angelegt und freue mich heute noch, das damals alles erleben zu dürfen. Gerne erinnere mich an Oktober 1987 in Gau Odernheim. Morgens um 08:00 Uhr, 4x BR 212 mit ca. 40 Rübenwagen, Flügelsignale, Fdl, usw.

Man sollte aber so zeitnah sein und sich eingestehen, dass dies alles Geschichte ist.

Das Leben geht weiter. Man kann doch nicht immer nur im "gestern" leben.

MfG
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon Dieselpower » Do 2. Jul 2015, 21:48

Wenn das "Heute" aber nicht mehr schön ist, man über verkrautete Bahngleise durch gesichtslose "Verkehrsstationen" ohne Personal und Ausstattung mit Plastikbahnen ohne Fenster zum Öffnen aber dafür mit defekter Klimaanlage fährt (oder gerade mal wieder liegenbleibt), während anderswo schon gar keine Gleise mehr liegen, und die oberste Prämisse der Bahn "Sicherheit geht vor Pünktlichkeit" noch um eine höhere Priorität "Profit" ergänzt wurde, dann muß man dem auch nachtrauern dürfen, und äußern, daß das heute Sch.... ist. Vor allem aber eins: Keine Eisenbahn der Menschen mehr!
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon Horst Heinrich » Fr 3. Jul 2015, 08:03

jojo54 hat geschrieben:Für mich ist es mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar, warum immer nur aus der Vergangenheit berichtet wird und wie "schön" damals die Zeiten in Sachen Eisenbahn waren


Hier wird eher mehr aus der Gegenwart berichtet, als aus der Vergangenheit, wenn ich mir die Beiträge dieses Forums in ihrer Gesamtheit ansehe, den Vorwurf kann man also widerlegen.
Es darf doch wenigstens an "runden" Gedenktagen mal erlaubt sein, einen Blick zurück zu werfen.

Vor ebenfalls 30 Jahren sagte unser damaliger Bundespräsident unter anderem folgendes:
Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.


Das ist ein wenig auch meine Intention, wenn ich -wie oben- mal in der Erinnerung krame und das ist wohl auch das, was Marko in seinem Beitrag meint, wenn er von der "modernen" Bahn spricht, deren Armseligkeit nur ermessen kann, wer sich dessen erinnert, was man diesem Volk bahnmäßig ohne Not genommen hat.
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon sflori » Mi 8. Jul 2015, 23:59

Danke für die Erinnerung und die Würdigung des Gedenktages. :-)


Bye. Flo.

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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon jojo54 » Do 9. Jul 2015, 16:27

Erinnert sei auch an ein Buch mit 98 S. aus dem Sutton-Verlag.
"Die Nebenbahn Bodenheim - Alzey" aus 2006. Das Buch ist mittlerweile leider vergriffen.

http://www.suttonverlag.de/buch/die_neb ... 071-7.html

MfG
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon Horst Heinrich » Do 9. Jul 2015, 22:04

jojo54 hat geschrieben: Das Buch ist mittlerweile leider vergriffen.

Hier gibt es noch ein Exemplar für 12,50 €.

http://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/An ... lzey?lid=1.
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon 70sDreamer » So 20. Sep 2015, 20:38

Ich wohne in Bodenheim, und erinnere mich noch an den Bahnübergang direkt hinter dem Abzweig von der Hauptstrecke Richtung Worms. Dieser wurde als erstes entfernt, dann einige Jahre später die Weiche ausgebaut. An der Stelle wo der Abzweig war stehen heute zwei Wohnhäuser, da wo das Amiche in Richtung Gau-Bischofsheim fuhr ist heute ein Kreisel mit der Zufahrt zu den Neubaugebieten.
An einigen Stellen sieht man noch Überbleibsel der Strecke...

Apropos Überbleibsel: Ich habe mich vor einiger Zeit, und auch heute wieder, auf Spurensuche begeben und Bilder der ehemaligen Bahnstrecke Guntersblum-Gimbsheim-Eich-Worms gemacht. Bei Gelegenheit werde ich einmal ein paar hier im Forum einstellen.

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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon Horst Heinrich » Mo 21. Sep 2015, 10:12

70sDreamer hat geschrieben: Bei Gelegenheit werde ich einmal ein paar hier im Forum einstellen.


Das freut einen "alten Rheinhessen", danke!
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon TroubadixRhenus » Mo 21. Sep 2015, 20:19

jojo54 hat geschrieben:Für mich ist es mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar, warum immer nur aus der Vergangenheit berichtet wird und wie "schön" damals die Zeiten in Sachen Eisenbahn waren.

Muss man sich ständig an der Vergangenheit hochziehen ? Das ist doch alles vorbei.

Seit 1980 habe ich mir ein umfangreiches Dia-Archiv über die Eisenbahn im rheinhessischen Hügelland angelegt und freue mich heute noch, das damals alles erleben zu dürfen. Gerne erinnere mich an Oktober 1987 in Gau Odernheim. Morgens um 08:00 Uhr, 4x BR 212 mit ca. 40 Rübenwagen, Flügelsignale, Fdl, usw.

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Ich finde, das Alte und Vergangene zu würdigen ist nichts Schlimmes. Jeder hat da so sein kleines Paradies der Erinerungen, und das Schwelgen darin muss auch mal erlaubt sein - zumal wenn es um Dinge geht, die sich doch eher sehr unvorteilhaft entwickelt haben.. :wink:

Darf ich auch mal? Da denke ich an meine persönlichen Erfahrungen, und die habe ich (eben damals) sehr bewusst empfunden - aber damals durchaus zu 100% im hier und jetzt erlebt. Ich meine die Zeit Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre, wo ich mit nicht weniger als insgesamt 10 Tramper-Monatstickets innerhalb von 4 Jahren Deutschland mit der Bahn erkundet habe. Jede Stunde drei IC's pro Richtung auf der Rheinschiene + FD + D + IR und was noch alles. Im ersten Wagen am offenen Fenster des Bm235 andächtig der 103 bei der Anfahrt gelauscht, wobei das erste "Klack" und die aufheulenden Lüfter so eine Art "Point of no Return" darstellten, und sich die Hektik der Großstadt mit dem Bahnsteig wegschob - derweil der 13-Wagen-Zug bei der Ausfahrt aus Köln Richtung Süden nochmal die altehrwürdige Stadt mit dem großen Dom ehrfurchtsvoll umrundet! Dann die Beschleunigung auf 160km/h, die einem immer aufs neue wie ein Jubelschrei der Technik und Ästhetik vorkam - oft genug untermalt mit Beethovens 3. Symphonie, erster Satz oder Dvoraks 9. Symphonie aus dem damals als "ach so modern" verhassten Walkmann...

Oder in den alten Eilzügen auf der Fahrt von Trier nach Köln durch die Eifel in der spätherbstlichen Dämmerung - vorne die 215 mit ihrer Dampfheizung, die zuweilen für schwer regulierbare Hitzewallungen im Abteil sorgete, meist aber eine sehr wohlige Wärme verbreitete. Die (oft noch zu kurzen) 3 Stunden konnte man nutzen, indem man ganze schubertsche Liederzyklen oder diverse Klaviersonaten rauf und runter hörte bis das Kasettenband leierte. Wer mag da heute dran denken, wo einem in den Platzikzäpfchen von der grellen Neonbeleuchtung die Augen brennen und einem das stoffbezogene Sitzbrett das Steissbein wund scheuert.

Ich empfinde das genauso, nämlich dass da ersatzlos ganze (Eisenbahn-)Welten verschwunden sind, die nie mehr wieder kommen! Warum soll man nicht nochmal an diese Zeiten erinern dürfen?


Thomas
"Wählen gehen ist wie Zähne putzen: Lässt man's bleiben, wird's braun."
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon Horst Heinrich » Mo 21. Sep 2015, 21:27

TroubadixRhenus hat geschrieben:Ich empfinde das genauso, nämlich dass da ersatzlos ganze (Eisenbahn-)Welten verschwunden sind, die nie mehr wieder kommen! Warum soll man nicht nochmal an diese Zeiten erinern dürfen?
Thomas


Vor allem, wenn das ganze ohne wirkliche Notwendigkeit verschwunden ist, was die Strecke Bodenheim-Alzey aufs Beste beweist.
Ganze 7 Fdl-Dienstposten in Gau-Odernheim (A 7 und A 8 ) wurden eingespart [über das gesamtwirtschaftlich meßbare Defizit, das dieser Eliminierung folgte, habe ich ja an anderer Stelle schon referiert] , man hätte die Strecke ohne weiteres heute mit dem EStw Rheinhessen mitbetreiben können und nachweislich mindestens 1.000 Pkw-Fahrten pro Tag und zurück aus den anliegenden Orten Richtung Mainz überflüssig machen können usw. usw.
Das kritisch zu betrachten ist keine nostalgische Verblendung, sondern es ist ein Finger-in-die-Wunde eines kranken Systems Legen, das auch mit den schönsten Power-Point-Präsentationen sich inhaltlich nicht legitimieren kann und das mit dem Verweis auf 220-V-Steckdosen und USB-Anschlüsse in Triebfahrzeugen nur davon ablenken möchte, daß es insgesamt gar nichts taugt.
Denn die originäre Dienstleistung, der zuverlässige Transport von Menschen und Gütern von A nach B tritt vor der Präsentation aller möglicher verspielter Accessoires in den Hintergrund um von der Tatsache abzulenken, daß die NewBahnEconomy-Protagonisten ihr Handwerk eigentlich gar nicht verstehen und Pferde ins Rennen schicken, ohne selbst reiten zu können.
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Re: Vor 30 Jahren...

Beitragvon TroubadixRhenus » Mo 21. Sep 2015, 22:26

Genau hier reisst man mit der unteren Lahn ganz frische Wunden auf! Wenigstens gibs die Piste noch! Aber auch hier ist die Landschaft nur noch eine Hülse ehemaliger Bahnherrlichkeiten (wie ich das Wort "Ehemalig" hasse).

Wie schön, dass es Musik gibt, die einem über das ganze Elend etwas hinweg hilft! War Beethovens Violinkonzert früher als Fahrgast im 628 schon meine "Programmmusik" für die untere Lahn, so bekam ich sie auch später als Tf auf der Strecke nie aus dem Kopf - und meine Fahrgäste mögen sich zuweilen gewundert haben, was der Typ da vorne so mit den Fingern auf dem Fahrschalter herum tippt! :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

https://www.youtube.com/watch?v=YIB03fS179s


Natürlich sind wir hier alle bekloppt, aber wenns das Leben leichter und schöner macht! :shock: :lol: :mrgreen:
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