Aartalbahn (Wiesbaden - Bad Schwalbach, Nassauische Touristikbahn)

Notfallmanager
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Re: Aartalbahn (Wiesbaden - Bad Schwalbach, Nassauische Touristikbahn)

Beitragvon Notfallmanager » Do 21. Jun 2018, 14:04

Lange habe ich überlegt, ob ich zu dem bereits Gesagten hier auch etwas schreiben soll, weil man mich in der Vergangenheit von den Offiziellen der Aartalbahn Infrastruktur GmbH & Co. KG ja gerne in der Luft zerrissen hat; es ist und war mir aber immer völlig gleichgültig gewesen, da für mich der Erhalt der Eisenbahn und nicht das Vereinsgemeiere im Vordergrund stand. Als ich vor ein paar Jahren den Aufwind verspürte, den man der Aartalbahn mit der städtischen Million in Aussicht stellte, trommelte ich eine Hand voll Berufseisenbahner zusammen, die hauptsächlich aus dem signaltechnischen Gewerk stammten und die den Streckenabschnitt Wiesbaden-Waldstraße bis Bad Schwalbach im Hinblick auf eine Wiederinbetriebnahme in Augenschein nehmen sollten. Wir wollten die Ehrenamtlichen unterstützen, wo wir eben konnten. Wir nahmen uns zuerst die lokführerüberwachten BÜSA, angefangen vom Straßenmühlweg bis Chausseehaus zur Brust. Die ermittelten und aufgelisteten Mängel versuchten wir, aus Altbaustoffen, die aus dem Schrott zugeführten Rückbauten der DB Netz AG stammten, zu ersetzen. Wir schafften kostenlos Baugruppen, Kontakte, Schalteinheiten, Gleichrichter, Lichtsignale und teilweise sogar Pufferbatterien herbei (Neubeschaffungswert: Weit über 100 TEUR) und verbauten sie teilweise in den Anlagen, die wir danach sogar einschalten und prüfen konnten. Auch die Schrankenanlage am Dotzheimer Bahnhof konnten wir so wieder in Betrieb nehmen. Einige Bauteile konnten jedoch nicht aus Rückbaustoffen beschafft werden, so dass wir eine Liste zu beschaffender neuer Komponenten mit den zu erwartenden Kosten erstellten. Eine Firma aus der Wetterau hätte uns hier auch mit günstigen Gebrauchtteilen versorgen können. Ab hier warf man auch uns dann Knüppel zwischen die Beine. Um Gelder aus der "zugesagten" städtischen Million in Anspruch nehmen zu können, genügten plötzlich keine bloßen Kostenschätzungen mehr sondern es wurden seriöse Angebote von Lieferfirmen eingefordert. Die wurden dann auch beschafft, nachdem Firmen, wie Hoppecke (Batterien) oder Falkenhahn (BÜ-Erneuerung Hahn-Wehen/Bleidenstadt) vor Ort alle Gewerke aufgenommen hatten. Anschließend hagelte es Kritiken, weil diese eingeforderten Kostenschätzungen dann plötzlich zu seriös waren. Argument: Das können wir mit eigenen Mitteln billiger machen (geschehen ist dann erwartungsgemäß aber nichts)! Gerade in Bezug auf die Firma Falkenhahn, die der ATB ein gnadenlos günstiges Angebot für die Kompletterneuerung (inkl. Abnahme) zweier mechanischer Schrankenanlagen in Taunusstein erstellte und das zu Konditionen, wie ich sie unter Inanspruchnahme von DB-Rabatten herausgehandelt hatte, konnte ich die Kritik nicht nachvollziehen. Man hätte dabei zwei BÜ in Alttechnik zum Preis von nicht einmal einer Anlage in moderner Technik haben können und das für nur knapp über 500 TEUR). Der RTK weigerte sich, auch nur einen Cent dafür locker zu machen, die Stadt Wiesbaden argumentierte, die Million dürfe nur auf Wiesbadener Stadtgebiet verbaut werden, die ATB titulierte mich als "Totengräber der ATB, nach dem man später einmal den Radweg auf der alten Bahntrasse benennen werde", usw. Die Sprüche waren an Mittelmäßigkeit nicht zu überbieten. Selbst der Versuch, den maroden Eisenbahnbetriebsleiter dazu zu bewegen, ein Baugleis zwischen Dotzheim und Hahn-Wehen einzurichten, damit notwendige Bagger- und Vegetationsarbeiten hätten durchgeführt werden können, wurden mit dem jämmerlichen Hinweis auf fehlende Andreaskreuze an den nichttechnisch gesicherten Bahnübergängen untersagt. Mein Argument, einen SKL mit Andreaskreuzen immer nur bis zum nächsten BÜ mit fehlenden Andreaskreuzen fahren zu lassen und nach dem Anbringen neuer Kreuze weiter zu fahren wurde abgeschmettert mit dem Hinweis: Geht net, wolle mer net! Offenbar haben der EBL und wohl auch das RP in Darmstadt den Sinn & Zweck eines Baugleises nicht verstanden, denn genau diesem Zweck dient ein Baugleis. Bei der DB AG ist das tägliche Praxis. Am Ende wurden somit notwendige Arbeiten an den Signalanlagen und dem Oberbau nachhaltig verhindert und die in dem besagten Haushaltsjahr zur Verfügung gestellten Mittel der Stadt Wiesbaden verfielen, da sie nicht abgerufen wurden (oder sagen wir besser nicht abgerufen werden sollten). Damit waren am Ende alle fein raus. Die Stadt Wiesbaden konnte behaupten, man hätte Geld bereitgestellt, welches die Betreiber der ATB nicht abgerufen haben, der EBL schmückte sich mit sicherheitlichen Bedenken einer Betriebsaufnahme mit Baugleis unter Rückendeckung des RP Darmstadt, der Vorstand der ATB Infrastruktur wollte ja angeblich immer, konnte aber leider nicht und zurück blieben die frustrierten Aktiven, die alles Menschenmögliche versuchten, aber von den Verantwortlichen immer wieder erfolgreich zu Boden gerungen wurden. Im Westerwald übrigens gelang es einem Verein binnen weniger Arbeitsmonate, die völlig zugewitterte Strecke Westerburg - Rennerod freizuschneiden und zumindest als Draisinenbahn in Betrieb zu nehmen. Dabei wurden sogar Bahnübergänge über Bundes- und Kreisstraßen, bei denen man bereits vor Jahren die Gleise entfernt hatte, erneuert und Lückenschlüsse hergestellt. Da man dort keine eigenen Baumaschinen hatte, motivierte man namhafte Gleisbaufirmen dazu, Baggerführerausbildungen auf dieser Strecke abzuhalten. So konnte man quasi unentgeltlich sämtliche Vegetationsarbeiten und Arbeiten der Gleiserneuerung inkl. Drainagegräben durchführen. Ach ja und diese gesamten Arbeiten fanden unter Inanspruchnahme einer Baugleisregelung statt, die der dortige EBL initiierte. Derzeit laufen die Vermessungsarbeiten für die Wiederinbetriebnahme der großen Westerburger Talbrücke nach Streckenklasse B und der Lückenschluss zur Oberwesterwaldbahn im Bahnhof Westerburg ist reine Formsache, weil die Abzweigweiche in Richtung der Querbahn im Zuge des Umbaus des Bahnhofs Westerburg und der Inbetriebnahme des ESTW Langenhahn von der DB wieder eingebaut wurde. Argument: Da die Querbahn nie entwidmet wurde, war auch die Anschlussweiche in Westerburg wieder herzustellen. Mit dem gleichen Argument hätte man übrigens die ATB wieder in den Bahnhof Wiesbaden Hbf einfädeln können. Allein der Wille fehlte dazu offenbar. Und nun sitzen die wahren und namentlich bekannten Totengräber der ATB weiter im Bahnhof Dotzheim beim Kaffekränzchen, im Rathaus Wiesbaden und im Kreistag Bad Schwalbach. Aber auch die Tage des Vereinsheims im Bahnhof Dotzheim sind gezählt, weil man mit Wiesbadener Gründlichkeit auch diesen letzten Nukleus der ATB beseitigen möchte. Nutznießer der Landesgartenschau war offenbar nur die Moorbahn im Kurpark Bad Schwalbach, die man fast komplett neu aufbaute.


Epilog: Selbst die Chance einer normalspurigen Anbindung der ATB an die große weite Welt der Eisenbahn wird derzeit von den Totengräbern der neuen Betreibergesellschaft der Citybahn unter Duldung durch die Kommunalpolitik zunichte gemacht, indem man sich gegen das Verlegen eines Dreischienengleises im Zuge der Errichtung der millionenschweren Citybahn aussprach. Damit kommt man künftig mit der ATB nicht, wie noch im 19. Jhd, zu den Destinationen in ganz Europa sondern meterspurig, dafür aber elektrifiziert, nur bis zum Mainzer Lerchenberg. Bravo, Ihr hochbezahlten "Verkehrsexperten"! So sieht eine vorausschauende Verkehrsplanung im 21. Jhd aus.

So und nun freue ich mich wieder auf das Schlachtfest zu Ehren meiner Person, viel Spaß dabei!

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Re: Aartalbahn (Wiesbaden - Bad Schwalbach, Nassauische Touristikbahn)

Beitragvon Bad Camberger » Do 21. Jun 2018, 18:13

Moin Notfallmanager,

vielen Dank für deine Ausführungen. Das unterschreibe ich sofort.

Auslöser der gesamten Aartalbahnmisere ist der fehlende Wille auf sämtlichen Ebenen, gepaart mit nicht vorhandenem Fachwissen, was dazu führt, das sich nichts bewegt, aus Angst, aus Böswilligkeit, aus Desinteresse.

Um die Strecke tut es mir leid, denn die Aartalbahn ist meine absolute Lieblingsstrecke. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich mit Blick aus dem Pwi der NTB und den Rauchschwaden der 50 in der Nase durch das Aartal gefahren bin und den einzigartigen Flair genießen konnte. Die Wälder, Wiesen, das Plätschern der Aar, der Geruch nach Dampf, Kohle und Diesel, das Quietschen der Spurkränze und die kühle Luft, die einem in Tunnels um die Nase wehte. Dazu eine Bockwurst und eine kalte Cola auf der Hand und einfach nur gucken! Unwiederbringlich.
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Dir möchte ich auf diesem Wege danken, dass du es damals probiert hast und dich so für die Strecke engagiert hast.
Nun liegt es nicht mehr in unserer Hand, was daraus wird.

Wer sich nochmal die Aartalbahn-Romantik der vergangenen Tage ansehen möchte... da gibt es 2 empfehlenswerte Bücher:

Joachim Seyferth: "Die Aartalbahn"
Klaus Kopp: "Langenschwalbacher Bahn".

Bis demnächst,

Bad Camberger


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